Komödie von Kleist bei Kerzenschein
Freilichtbühne Porta spielt Der zerbrochene Krug / Zuschauer auf Gerichtsbänken
Kritisch hören Gerichtsrat Walter (Guido Meyer) und Dorfrichter Adam (Wilhelm Krückemeier, von hinten) den Klagen der Eve (Sonja Pape) zu. Foto: Ralf Kapries
Von Ralf Kapries
Minden (pri). Wer zur Zeit am Abend durch die Mindener Altstadt geht und vom Licht und vom Getöse angelockt einen Blick durch die Buntglas-Scheibchen des Hansehauses riskiert, der kann eventuell Zeuge eines seltsamen Gerichtsprozesses unter Vorsitz eines kahlköpfigen Richters werden, in dessen Mittelpunkt ein wunderbar bemalter Krug steht. Allein, das gute Stück ist nicht mehr heil: eine große Scherbe ist herausgebrochen. Der Künstler hat es so gewollt und das Mindener Altstadtpflaster hat beim Transport versehentlich sein übriges getan.
Nachtigall, ick hör dir trapsen, würde jetzt der Berliner sagen und Landeskind Heinrich von Kleist würde es verstehen: Es geht um seine unsterbliche Komödie Der zerbrochene Krug, heftig geprobt von der Freilichtbühne Porta, allen voran Wilhelm Krückemeier als äußerst viriler Dorfrichter, ein Lebemann, ein Schlawiner wie er im Buche steht, ein Schlitzohr und echter Rechtsverdreher und Krückemeier weiß schon jetzt, ihm erfreulich viel Leben einzuhauchen.
Mit auf der Bühne stehen Guido Meyer als Gerichtsrat Walter, Ulrich Diekmann als Schreiber Licht, Gisela Meier als Frau Marthe Rull, Sonja Pape als Eve, Friedhelm Pape als Veit Tümpel, Cord Hashemian als Ruprecht, Angelika Rüter als Frau Brigitte und Jörg Homeier als Büttel. Mit sichtlichem Spaß bei der Sache ist auch Roberto Widmer, Profi-Regisseur, der schon häufiger mit dem Amateur-Ensemble der Freilichtbühne Porta zusammengearbeitet hat. Er feilt selbst an der kleinsten Rolle und achtet darauf, daß auch in jeder Sekunde der Szene die Atmosphäre stimmt.
Premiere am Samstag
Soeben sind die Kostüme eingetroffen. Noch etwas unbehaglich erscheinen die Darsteller auf der Bühne in ihren neuen Sachen. Ein wenig muß man sich an die fremde Hülle noch gewöhnen, andererseits zwickt es noch hier und da, denn die Sachen wollen nicht so recht passen. Eine Madame erscheint in einem Rock, dessen Brokatstoff sich über einem viel zu großen, faltenreichen Unterrrock spannt eine Mischung aus Federbett und Wohnzimmer-Gardine. Nein, so geht es nicht, aber es sind noch andere Röcke da. Langsam gewinnt Frau Brigitte ihre Bühnengestalt, Regisseur Roberto ist überall, bemäkelt kritisch jedes einzelne Kostüm und führt eine lange Änderungsliste.
Bei all dem geschäftigen Treiben merkt der Zuschauer rasch: Es geht gut voran und er darf sich auf die Aufführungen freuen. Eine besondere Atmosphäre erhält das Stück durch den Spielort Hansehaus, daß mit Holzbänken ausgestattet und als Gerichtssaal eingerichtet wird.
Und wenn dann das peinliche Sammelsurium der extrem häßlichen Leuchtstoffröhren unter der Holzdecke verlöscht und die Kerzen des noch zu installierenden Kronleuchters erstrahlen, dann kann man sich richtig ins niederländische Dorf des beginnenden 19. Jahrhunderts versetzt fühlen.
