"Gebt den Armen einen Schein des Himmels"Gelungene Premiere für "Oliver Twist" im Stadttheater / Portabühne zeigt sich unter der Regie von Matthias Harre spielfreudigDichter Nebel wabert über den armseligen Londoner Stadtteil, in dem Oliver Twist und Fagins Diebesbande leben. Für die Premiere erhielten die Akteure der Portabühne verdient donnernden Beifall. Von Ursula Koch Minden (mt). "Gebt den Armen einen Schein des Himmels" fordern die Waisenkinder singend in der "Oliver Twist"-Inszenierung der Freilichtbühne Porta im Mindener Stadttheater. Dieses Lied ist so eingängig, dass es einige Kinder nach dem Besuch der Premiere noch auf dem Weihnachtsmarkt singen. Für ihre Umsetzung der Geschichte von Charles Dickens hatten die Amateurschauspieler und Regisseur Matthias Harre zuvor verdient donnernden Beifall erhalten. Denn von den "alten Hasen" der Truppe bis zum jüngsten Akteur sind alle mit sichtbarer Spielfreude am Werk. Kaum ist der erste Glockenschlag von Big Ben zu hören, wird es mucksmäuschen still im Zuschauerraum. Dichter Nebel wabert über die Bühne - so ist London nun mal. Und aus der Menge der Darsteller löst sich ein buckliger Kerl, der in die Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist einführt und die erwachsenen Zuschauer eindringlich mahnt: "Achtet auf eure Kinder". Und dann beginnt die Geschichte in dem Waisenhaus, in dem Oliver (Karlson Preuss) und viele andere Kinder leben. Die Suppe, die hier von Mrs. Bumble (Astrid Volkmann) ausgeteilt wird sieht ganz schön dünn aus. Die Kinder haben Hunger, schicken Oliver vor, um mehr Suppe zu bitten, doch dafür bekommt Oliver nur Ärger. Da ist es fast eine Erlösung, als Oliver als Lehrling an den Sargtischler Mr. Sowerberry (Thomas Lange) verhökert wird. Sowerberry erhofft sich ein gutes Geschäft, wenn er Oliver mit seinen "großem bekümmerten Augen" hinter dem Sarg herschreiten lässt, doch Sowerberrys Frau (Angelika Rüter) sieht ihn Oliver nur einen hungrigen zusätzlichen Esser. Doch auch dort bekommt Oliver schnell unverdienten Ärger und wird in den Kohlenkeller gesperrt, aus dem er flüchten kann. So schließt er Bekanntschaft mit Jack Dawkins (Hanno Petersen), der ihn mitnimmt nach London zu Fagins Diebesbande, bei der er in Nancy (Hannah Fröhlingsdorf) eine echte Beschützerin findet. In London lernt Oliver nebenbei den großzügigen Mr. Brownlow (Friedhelm Schlötel) kennen, aber auch, dass von einem etwas erwartet wird, wenn einem ein Gauner Unterkunft gewährt. Nach einer richtig krummen Tour, bei der Oliver sogar angeschossen wird, wendet sich für den Jungen aber doch alles zum Guten. Das Als Darsteller stechen in dieser Inszenierung rollengemäß Oliver Twist und Fagin hervor. Oliver wird von dem 15-jährigen Karlson Preuss, der erstmals bei der Portabühne mitmacht, überraschend souverän und natürlich gespielt. In der Rolle des Gauners Fagin glänzt Volker Homeier, der den Bandenchef mit einer großen Portion Herz ausstattet. Er nimmt "seine" Kinder vor seinem fiesen Kumpan Sikes (Christian Brodehl) immer wieder in Schutz und wenn er mal so richtig energisch mit der Faust auf den Tisch haut, tut er sich nur selbst weh. Das entwickelt sich zu einem echten Running-Gag, den auch die jüngsten Zuschauer urkomisch finden. Das Bühnenbild besteht zum großen Teil aus Hängern, die vom Fachwerk bemalt wurden, und jeweils den passenden farbenfrohen Hintergrund zu den Spielorten bilden. Mal ist das eine Sommerlandschaft, mal das leicht dunstverhangene herrschaftliche London oder auch das armselige Viertel, mit unzähligen kleinen Häusern und rauchenden Schornsteinen. Eine gute Idee des Regisseurs Matthias Harre ist es, das vornehme Haus von Mr. Brownlow und Fagins Nest nebeneinander auf der Bühne zu platzieren. So gelingen allein durch Lichtwechsel und herauf- oder herunterfahren der Vorhänge rasche Szenenwechsel, die mit ein bisschen mehr Routine bei den folgenden Aufführungen auch sicher noch etwas schneller von statten gehen und damit auch die Spannung noch stärker halten werden. Ein Teppich, ein großer Tisch und zwei Sessel bilden Brownlows herrschaftliches Wohnzimmer, während Fagins Nest auf einem Podest angeordnet ist. Das wird über eine Leiter erklommen und sieht durch die leichte Balkenkonstruktion aus, wie ein selbst gezimmertes Baumhaus. Das ist zwar ärmlich ausgestattet, wirkt dabei aber doch gemütlich. Unter dem Podest schläft die Bande, hoch oben wird geredet und gefeiert. Und schließlich, wenn alle Bösewichte vom Polizisten "eingepackt" worden sind, wabert über London wieder dichter Nebel. Weitere Aufführungen: 11. Dezember um 17.30 Uhr, 13., 14., 20. und 21. Dezember jeweils um 16 Uhr im Mindener Stadttheater; Karten gibt es beim Ticketservice, Domstraße 2, Telefon 05 71 / 91 19 111 und an der Tageskasse copyright by mt-online.de 08.12.2003 |
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