Leben ohne ZeitgefühlPortabühne hatte mit Warten auf Godot“ Premiere im Kleinen TheaterWarten: Pozzo (Walter Rommelmann), Wladimir (Wolfgang Tyrock) und Estragon (Claus Burkardt/v. li.). Von Ralf Kapries Minden (mt). In Becketts Warten auf Godot“ gibt es wenig zu tun, wenig zu sehen und viel zu begreifen. Dass man mit diesem Stück viel Greifbares inszenieren kann, bewies die Premiere der Freilichtbühne am Freitagabend im Kleinen Theater am Weingarten unter der Regie Matthias Harre. Der hat neben der Inszenierung das spärliche Bühnenbild, ein ärmliches Bäumchen auf der linken Seite, gleich mit erledigt und doch noch Gelegenheit zu einem kleinen Gag gefunden, indem er nach der Pause die vom Autor geforderten Blätter“ aufhängen lässt, genau zwei nämlich. Überhaupt ist das Stück des irischen Autors Samuel Beckett voll eigenartigen Humors, den erst die Bühnendarstellung, quasi neben“ dem Text entstehen lässt. Harre trägt dem Rechnung, indem er die hierfür geeigneten Stellen von den beiden Hauptdarstellern Claus Burkardt, dem wehleidigen Estragon, und Wolfgang Tyrock als seinem etwas standfesteren Kumpan Wladimir, nahezu slapstickhaft ausspielen lässt. Da trippelt der verärgerte Estragon im Zeitraffer über die Bühne; das entstehen auf der kleinen Bühne große Gesten und wirbelnde Geschäftigkeit, wenn die beiden versuchen, sich mit (Wort-) Spielen die Zeit zu vertreiben bei ihrem erfolglosen Warten auf Godot. Glänzend mimen die beiden die zwei Verlorenen, denen neben allem Besitz und einem Großteil ihrer Ehre schon lange jedes Zeitgefühl abhanden gekommen ist - ein Schauspieler-Duo voller Engagement, Spielfreude und Überzeugungskraft. Szenenapplaus für Luckys Monolog Ebenso schicksalhaft verbunden, aber eine Generation älter erscheinen Pozzo und sein menschliches Lasttier Lucky. Walter Rommelmann verkörpert versiert den herrischen Pozzo mit all seiner Überheblichkeit und seiner Menschenverachtung - letztere wird zumindest ansatzweise von Estragon und Wladimir geteilt, die sich zwar über die schlechte Behandlung Luckys kurzfristig entrüsten, aber schon bald darauf gute Gründe finden, dabei mitzutun. Ulrich Dutz verkörpert hinreißend die gepeinigte Kreatur Lucky. Sprachlich ist er stark auf kommentierendes Gestöhn reduziert, das Dutz jedoch sehr variantenreich und deutungsstark einsetzt. Der Höhepunkt seiner Rolle ist der denkende“ Lucky: Ein längerer Monolog aus sinnlos aneinandergereihten Phrasen, voller textlicher Fußangeln und furchtbar schwer zu erlernen. Dutz lässt seinen Lucky sich in zunehmende Verzweiflung stammeln, bis er entkräftet zusammenbricht - und damit einen verdienten Szenenapplaus einheimst. Seine kleine Rolle als (verschüchterter) Junge gestaltet Simon Volkmann sehr schön und intensiv. Seine Botschaft: Herr Godot kommt heute nicht mehr, aber sicher morgen.“ Pozzos Erblindung liefert das erste deutliche Indiz für den zunehmenden Verlust des Zeitgefühls, der an allen zehrt. Er lehnt die Wann-Frage strikt ab. Irgendwann werden wir geboren, irgendwann werden wir blind, irgendwann verstummen wir, irgendwann sterben wir... Wen interessiert da wann. Vielleicht kommt auch irgendwann Godot? Wladimir und Estragon sind sich schon lange nicht mehr sicher. Wie lange das schon so währt, wissen sie auch nicht mehr. Verharren, vorangehen, warten oder weitermachen - es ist kein Effekt zu erwarten. Und doch machen alle weiter: Das Bäumchen treibt Blätter, die seltsamen Paare gehen ihrer Wege, die Zuschauer erinnern sich an immer wiederkehrende Handlungsmuster, an Situationen, die fast ebenso absurd wie realistisch sind, im Leben ebenso wie an einen prallvollen und wiederholenswerten Theaterabend wie diesem. Weitere Aufführungen: Bis 18. Dezember freitags und samstags jeweils 20 Uhr, 30. Januar, 6., 13., 20. Februar und 13. März jeweils um 18 Uhr, 19., 25. und 26. Februar sowie 4., 5. und 12. März jeweils um 20 Uhr im Kleinen Theater am Weingarten copyright by mt-online.de 30.11.2004 |
