Marcus Hamanns Inszenierung des "Dschungelbuch" bietet Spaß und Hintergründiges für Jung und Alt
Porta Westfalica (pri). Die Portabühne mit ihrem Regisseur Marcus Hamann geht bei der Inszenierung des Dschungelbuchs einen eigenen Weg. Wohl auch deshalb war die Premiere am Sonntagnachmittag ein großer Erfolg. Kinder wie Erwachsene spendeten herzlichen und intensiven Applaus.
Die Geschichte des "Wolfskindes" Mowgli ist weitgehend bekannt. Das Menschlein wächst im Dschungel auf, wird von Tieren erzogen und reift zu einem ziemlich kecken Jüngling heran, der schließlich in die menschliche Gesellschaft zurückkehrt.
Das Mädchen Shanti, dass ihn so flink ins Menschenreich hinüberzieht, ist dabei eine sehr hübsche Debutrolle für Premierenbesetzung Theresa Stöckle. Rudyard Kiplings Originalgeschichte geht aber noch weiter und macht deutlich, dass nicht nur die tierischen, sondern auch die menschlichen Beziehungen zu einem ziemlichen "Dschungel" werden können.
Hamann lässt zwar seine Version des Dramas "kinderfreundlich" mit der Rückkehr Mowglis enden, greift jedoch zu einem Trick, der den Bedürfnissen der Kinder wie der Erwachsenen gleichsam Rechnung trägt (ein Merkmal übrigens, das wirklich gute Kinderstücke auszeichnet): Seine Tiere wirken sehr menschlich und ihre Verhalten nicht rein stereotyp, sondern motiviert.
So ist der Tiger nicht mehr nur der von Grund auf böse Gesetzesbrecher, sein Unfall am Feuer erklärt seine Angst vor und seinen Hass auf die Feuerbezwinger, die Menschen. Auch die wundervollen Kostüme der Portabühne tragen diesem dramaturgischen Konzept Rechnung. Sie deuten die animalischen Details hinreichend stark an, so dass die Kinder sie in ihrer Phantasie ausdeuten können.
Zugleich wirken die Darsteller hinreichend menschlich, um für die Erwachsenen genügend hintergründig und überzeugend zu wirken. Es gibt Spaß für die Kleinen und Späße für die Großen, viel Unterhaltung für alle Altersgruppen und Denkanstöße für diejenigen, die vom Theater darüber hinaus Substanz erwarten.
Gäbe es einen Kostümwettbewerb, ginge der Erste Preis sicherlich an das Schakalskostüm. Allerdings spielt Jan Krems den Speichellecker Tabaqui auch sehr intensiv und überzeugend und bildet zusammen mit Julian Nolte als oft majestätisch wirkendem Shere Kahn ein eindrucksvolles Duo: Schleimer und neurotischer Chef.
Der Bär Baloo, gutmütiger und lebensfroher Lehrmeister, ist schon an sich der Sympathieträger des Stückes. Premierenbesetzung Andreas Müller weiß die Figur mit komödiantischem Talent zu komplettieren. Volker Homeier steht ihm an Spielfreude in nichts nach.
Als wendiger Panther Bagheera, mit Menschenkenntnis und mehr Verstand als Kumpel Baloo gesegnet, erinnert sein Outfit ein wenig an Paulchen Panther, allerdings nicht pink, sondern in Schwarz und Blau und mit einem attraktiven Sammetschälchen um den Hals.
Herrlich affektiert stellt Annette Splithoff die hypnotisierende Schlange Kaa als etwas abgetakelte Tänzerin dar - ihre "Häutung" auf der Bühne ist einer jener Gags, die zusätzliche Würze in die Inszenierung bringen. Wunderbar energiegeladen und mit einem Schuss Dekadenz spielte Premierenbesetzung Matthias Linnemann den Affenkönig Lui.
Und was wäre das Dschungelbuch ohne die Affenhorden und das nette Wolfsrudel - ihre zahlreichen Darsteller tragen die Atmosphäre des Stückes, den Hintergrund, vor dem hervortretende Einzelleistungen erst möglich sind. Mit der militärisch geprägten Dschungelpatrouille der Elefanten um Oberst Hathi und den Geiern sind zwei Spaßmacher-Truppen eingebaut, deren Auftritte immer wieder das Geschehen durchziehen und für Auflockerung sorgen.
Dabei liegen die recht dämlich wirkenden, dafür aber um so dreisteren Geier in der Publikumsgunst deutlich vorn - das liegt nicht nur an ihren herrlichen Ringelstrümpfen.
Unbestreitbarer Star des Abends ist Mowgli, in der Premiere gespielt von Fynn Steinmann. Er gestaltet den "kleinen Frosch" (wie ihn die Tiere seiner unbehaarten Haut wegen nennen) als frecher kleiner Junge, der im Streit mit den Affen, spätestens jedoch bei seiner Feuerattacke gegen Shere Kahn, gewaltig über sich hinauswächst.
Weitere Aufführungen: 5., 12., 19. , 26. Juni, 3., 31. Juli, 7., 14., 21., 28. August, 4. und 10. September, Beginn jeweils 17 Uhr.
