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Jubiläumsfeier 2003

Laientheater ohne Alterserscheinungen

Goethe-Freilichtbühne feiert 75-jähriges Bestehen / Walter Rommelmann zum Ehrenmitglied ernannt

Von Carsten Korfesmeyer

Porta Westfalica-Barkhausen (cko). Nur für diesen Anlass sind die Gründer noch einmal auf ihrer Freilichtbühne aufgetreten. Dr. Heinrich Hollo, Fritz Kleine- Kleffmann und Ferdinand Möbus ließen ein Dreiviertel-Jahrhundert Barkhauser Laientheater Revue passieren. Allerdings nicht höchstpersönlich, sondern gespielt von drei hervorragenden jungen Schauspielern.

Exakt 76 von 165 Inszenierungen strickten die Darsteller Julian Nolte, Jens Walsemann und Niklas Schröder zum Auftakt der Festveranstaltung zu einer kleinen Geschichte über 75 Jahre Goethe-Freilichtbühne zusammen. Mit Frack und Zylinder parodierten sie jenen Moment aus dem Jahr 1928, als die drei Gründungsväter die erste Spielzeit eröffneten. Sie und ihre Zeit sind längst begraben. Geblieben ist aber der ganz besondere Charme dieses Freilichttheaters und ein Ensemble, das mit seinen Aufführungen seit Generationen über die Stadtgrenzen hinaus zu überzeugen weiß.

Die Nibelungen, Faust, Anatevka, Momo oder Der gestiefelte Kater: Auf der Bühne vor der Felsenwand standen immer Theaterstücke auf dem Programm, die sonst eigentlich nur auf größeren Bühnen zu sehen sind. "Aber Eigenlob stinkt", sagte Vorsitzender Wolfgang Tyrock. Die Lobeshymnen überließ er deshalb auch den gleich scharenweise erschienen Festrednern und Gratulanten.

"Unter freiem Himmel ist Theater immer etwas ganz Tolles", stellte Manfred Böcker, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion heraus. Freude am Spiel und der Darstellung, aber auch hoher künstlerischer Anspruch seien die Markenzeichen der Goethe- Freilichtbühne. Hier begnüge man sich nicht mit einem einfachen Bauernschwank. An Glückwünschen, Anerkennung und persönlichen Anekdoten sparte kein Festredner.

"Um diese Kultureinrichtung werden wir beneidet", unterstrich Landrat Wilhelm Krömer, Bürgermeister Hilmar Wohlgemuth erinnerte an seine bereits 49 Jahre zurückliegende Statistenrolle im "Egmont" oder Mindens Stadttheater-Leiter Bertram Schulte meinte in Anspielung auf die Haushaltslage: "Ein Theater, das keine Heizung braucht, begeistert jeden Kämmerer." Wie viel ihm die Freilichtbühne bedeutet, unterstrich Bernhard Socher vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Er, der in Kürze in den Ruhestand tritt, sprach auch die in nächster Zukunft vorgesehene Überdachung des Zuschauerraumes an. "Hier werden Maßstäbe für die Zukunft gesetzt", sagte er und erinnerte mit den großen Umbauarbeiten (1975 und 1991) sowie dem Bau des Spielerheims im Jahr 1984 an die jeweils zeitgemäßen Veränderungen der Freilichtbühne. "Früher passten hier sogar bis zu 5000 Leute rein".

Die lebendige Geschichte des Barkhauser Laientheaters betonten auch Dieter Lammerding, Vorsitzender des deutschen Freilichtbühnen-Vereins für die Region Nord, und Fördervereins-Vorsitzender Hubert Dietz in ihren Reden. Beide stellten das intakte Vereinsleben heraus, das an rund 250 Tagen im Jahr stattfindet und das Publikum jeder Generation anspricht. Für Dr. Claus Burkardt, der sich das Amt des Vorsitzenden mit Wolfgang Tyrock teilt, hat die Freilichtbühne noch eine große Zukunft vor sich. "Alterserscheinungen gibt es hier keine und jeder ist motiviert., sagte er vor den rund 450 Gästen in dem geschmackvoll geschmückten Theater. Doch allen Erfolg verdanke man letztlich allein dem Publikum. "Dafür herzlichen Dank."

Nicht verschwiegen wurde von allen Rednern die schlimme Zeit der Nazi-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges, in der die Bühne zum Barackenlager wurde und die Schauspielkunst bis 1954 zum Erliegen kam. Doch die Spielfreude der Akteure war ungebrochen und mit dem Stück "Egmont" startete man in die neue Zeit.

Kurzweilig, abwechslungsreich und anspruchsvoll lässt sich die Festveranstaltung mit anschließendem Kinderfest am besten beschreiben. Die Musical-Gesangsbeiträge von Anneke Petersen begleitet von Michael Niepel, stellten darin ebenso Höhepunkte dar wie die Lieder der Band "Still Crazy" oder die singenden Nonnen des aktuellen Sommerstücks "Sister Act".

Stellvertretend für alle Regisseure stellte Roberto Widmer eindrucks- und humorvoll das Arbeiten mit den Darstellern dar. "Man erlebt hier immer aufregende Wochen", beschrieb er die oft monatelangen Probenabläufe, in der keinerlei Unterschiede zu den Profi-Schauspielern gemacht würden. Bei kühlen Temperaturen, dünnen Kostümen und eiskalten Füßen stehe man meist schon im Frühjahr auf der Bühne. ,Damit wir dort alle im Sommer schön schwitzen können."

Dass seit 1961 Kinderstücke präsentiert werden, ab 1964 auch Profi-Regisseure verpflichtet wurden oder ab Mitte der Sechziger auch in geschlossenen Räumen gespielt wird, stellte Widmer als bedeutende Meilensteine der Freilichtbühnen- Geschichte. Dazu zählt zweifelsohne auch der Mann, der seit 70 Jahren mit dabei ist: Walter Rommelmann. 1933 gab er in "Siegfrieds Tod" sein Debüt als Schauspieler und gehört seither zum festen Bestandteil des Ensembles. Mit stehenden Ovationen feierten die Gäste ihre Bühnen-Ikone, die an diesem Tag einstimmig zum Ehrenmitglied der Freilichtbühne ernannt wurde.

Sichtlich gerührt und mit Tränen in den Augen nahm der fast 80-Jährige von jedem der insgesamt 70 aktiven Mitglieder eine rote Rose und die vielen "Walter, Walter"-Rufe entgegen. Der Jubilar bedankte sich auf seine Weise. Er schlüpfte in die Rolle des Milchmanns Tevje und spielte das Anatevka-Lied "Wenn ich einmal reich wär..." -jenes Lied, mit dem er sich im Sommer 1983 in die Herzen der Zuschauer gespielt hatte.


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31.05.2003

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